Mythen#

Hier eine Sammlung von Mythen und Missverständnissen rund um ADHS. Etliche davon habe ich selbst lange geglaubt, bis ich mich intensiver mit ADHS beschäftigt habe.

Leute mit ADHS können sich nicht konzentrieren#

Das ist Quatsch. Viele Menschen mit ADHS können sich sehr gut konzentrieren - wenn sie etwas tun, das sie wirklich interessiert Ich war super in Prüfungssituationen, wenn ich mich für das Thema interessiert habe.

Andererseits verlieren wir uns mit ADHS manchmal in Seitenaufgaben oder unwichtigen Details.

Mit ADHS haben wir kein generelles Konzentrationsproblem, sondern ein Steuerungsproblem. Wir können unsere Aufmerksamkeit nicht immer so lenken, wie wir es wollen!

Wenn wir aber nun einen Arbeitsplatz haben, an dem wir uns wohlfühlen und der uns interessiert, dann klappt das mit der Konzentration oft sehr gut. Müssen wir dagegen langweilige oder uninteressante Aufgaben erledigen, dann fällt uns das oft sehr schwer - bis hin zum völligen Blockieren.

ADHS haben nur Kinder#

Das ist Quatsch. ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die in der Kindheit beginnt. Ich finde auch den ausdruck “das wächst sich raus” irreführend. ADHS bleibt ein Leben lang bestehen - auch wenn sich die Symptome verändern können.

Aber klar: Viele Erwachsene haben schon 1000 Wege gefunden, mit ihren Symptomen umzugehen. Und 1001 Wege um Sachen zu maskieren. Daher wird ADHS bei Erwachsenen oft nicht erkannt.

Nur leider kostet es viel Kraft, ständig gegen die eigenen Symptome anzukämpfen und sich zu “verstellen”.

Daher halte ich eine Diagnose auch im Erwachsenenalter für so wichtig - selbst wenn wir keine “Vorteile” daraus ziehen können. Der größte Vorteil ist das bessere Verständnis für uns selbst. Nur wenn wir uns selbst verstehen, können wir auch besser mit uns umgehen.

Wer ADHS hat, zappelt ständig herum#

Das ist Quatsch. Natürlich gibt es Menschen mit ADHS, die ständig herumzappeln. Und hier wird schnell gesagt “Oh, denen sieht man es an!”. Gerade bei Kindern kommen dann die typischen “Zappelphilipp”-Bilder auf.

Aber viele Menschen mit ADHS - vor allem Erwachsene - haben eher innere Unruhe. Die Hyperaktivität findet dann eher im Kopf statt. Wir fühlen uns innerlich getrieben, können schlecht abschalten oder zur Ruhe kommen.

Hat man ein passendes Umfeld, kann dies unglaublich Produktiv sein! Es gibt sehr viele Menschen mit ADHS, die in kreativen Berufen oder in der IT sehr erfolgreich sind. Wir lieben es, Probleme zu lösen und neue Ideen zu entwickeln. Aber stecke uns in ein Meeting, in der langweilige Präsentationen gehalten werden und wir sind innerlich schon wieder ganz woanders.

ADHS ist eine Modekrankheit#

Das ist Quatsch. ADHS wurde schon vor über 100 Jahren beschrieben. Ich denke, ADHS wird heute nur besser erkannt als früher. Deswegen möchte ich insbesondere jungen Frauen, die gerade erst mit der Diagnose ADHS bekommen haben, Mut machen.

Ich falle auch eher in die Kategorie “unauffällig”, der etwas “träumerisch” wirkt. Fällst Du dann auch nicht durch auffälliges Verhalten auf, ist das Klischeebild von ADHS nicht erfüllt und nicht gesehen.

Heutzutage sind Diagnostiker*Innen aber besser geschult und kennen auch die “leisen” Formen von ADHS. Lehrer*Innen sind heute besser geschult. Und mehr Leute - vor allem junge Frauen - gehen heute zum Arzt oder zur Ärztin.

Gut so!

ADHS betrifft nur Kinder aus schwierigen Familien / kommt durch vielen Medienkonsum#

Das ist Quatsch. ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die genetisch bedingt ist. Sicherlich können schwierige Familienverhältnisse oder zuviel Medienkonsum Symptome verschlimmern.

Sagen wir es gibt Kind A und B. Beide haben ADHS.

Kind A wächst in einer liebevollen Familie auf, die ihm Struktur und Halt gibt. Es ist viel Geld für Freizeitaktivitäten und Förderung da. Die Eltern machen regelmäßig mit dem Kind die Hausaufgaben und unterstützen es.

Kind B wächst in einer schwierigen Familie auf, in der es wenig Struktur und Halt gibt. Weil z.B. beide Eltern wenig Zeit haben. Es gibt wenig Geld für Freizeitaktivitäten und Förderung. Die Eltern sind oft gestresst und können dem Kind wenig Unterstützung geben.

Welches Kind wird wohl mehr Schwierigkeiten haben, mit seinen ADHS-Symptomen umzugehen? Ganz klar: Kind B.

Mit genug Sport, Disziplin und frischer Luft kann man ADHS heilen#

Das ist Quatsch. ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die genetisch bedingt ist. Sport, Disziplin und frische Luft können helfen, die Symptome zu lindern. Aber ADHS wird dadurch nicht “geheilt”.

Sport hilft, den Körper zu entspannen und Stress abzubauen. Fast immer ist es für Menschen mit ADHS hilfreich, sich regelmäßig zu bewegen. Frische Luft und Bewegung helfen, den Kopf frei zu bekommen und die Konzentration zu verbessern. Aber das kann Symptome lindern. Nicht mehr und nicht weniger.

Aber ADHS ist keine Frage von “Willenskraft” oder “Disziplin”. Wir brauchen oft mehr Unterstützung und Verständnis, um mit unseren Symptomen umzugehen. Struktur und Routinen können helfen. Und vor allem Akzeptanz und Verständnis von uns selbst und von anderen. Therapie und/oder Medikamente können ebenfalls helfen, die Symptome zu lindern.

ADHS-Medikamente machen abhängig und Menschen innerlich leer#

Das ist Quatsch. ADHS-Medikamente sind keine “Drogen” in dem Sinne.

Aber sie helfen vielen Menschen mit ADHS, besser mit ihren Symptomen umzugehen. Sie helfen, die Konzentration zu verbessern, die Impulsivität zu reduzieren und die Hyperaktivität zu verringern. Sie helfen, den Alltag besser zu bewältigen und die Lebensqualität zu verbessern.

Die Nebenwirkungen der Medikamente schwanken von Person zu Person. Daher ist es wichtig, die richtige Dosierung und das richtige Medikament zu finden. Das kann manchmal dauern und erfordert Geduld und Zusammenarbeit mit dem Arzt oder der Ärztin. Gerade im deutschen Gesundheitssystem ist das leider oft schwierig und extreme Wartezeiten sind die Regel.

Wie alle Medikamente haben sie Nebenwirkungen.

Aber pauschal “innerlich leer” machen sie nicht. Sie helfen vielmehr, dass Menschen mit ADHS sich besser konzentrieren können und weniger von ihren Symptomen beeinträchtigt werden. Nur was passiert, wenn der Zappelige ADHS-Mensch plötzlich “ruhig” wird? So kennen wir ihn/sie ja gar nicht. Aber vielleicht ist das für die Person selbst ja auch eine Erleichterung.

Ich kann von mir selbst das Bild nehmen von “Es fühlt sich jetzt so an, als würde nur noch eine Melodie gleichzeitig im Kopf spielen - anstatt 3 oder 4 gleichzeitig durcheinander”.

Und abhängig machen? - Nun ja: Frag mal Leute mit ADHS wie oft sie schon ihre Medikamente vergessen haben einzunehmen. Richtig ist aber auch: Je nach Medikamentengruppe kann man diese einfach bei Bedarf nehmen oder absetzen. Andere müssen regelmässig eingenommen werden, damit sie wirken. Und beim Absetzen müssen diese medizinisch begleitet werden.

Aber auch ganz klar: Nicht jeder Mensch mit ADHS braucht oder will Medikamente. Ich würde aber jeder und jedem ans Herz legen: Schliesst Medikamente nicht von vornherein aus. Informiert euch gut, sprecht mit Ärzten/Ärztinnen und anderen Menschen mit ADHS darüber.

ADHS Medikamente fallen unter das Betäubungsmittelgesetz#

Das …. stimmt! Manchmal.

ADHS-Medikamente wie Methylphenidat (z.B. Ritalin) und Amphetamine (z.B. Elvanse) fallen in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz (BtMG). Dafür gibt es strenge Vorschriften für die Verschreibung, Abgabe und Lagerung dieser Medikamente. Das soll Missbrauch und illegalen Handel verhindern.

Aber es gibt auch sehr viele andere ADHS-Medikamente, die nicht unter das BtMG fallen. Dazu gehören z.B. Atomoxetin (Strattera) und Guanfacin (Intuniv). Diese Medikamente haben andere Wirkmechanismen und sind keine Betäubungsmittel.

Wenn Du Angst hast, ADHS-Medikamente zu nehmen, weil sie unter das BtMG fallen, sprich mit Deinem Arzt oder Deiner Ärztin darüber. Es gibt eine große Auswahl an Medikamenten, und nicht alle fallen unter das BtMG. Besprich die Vor- und Nachteile der verschiedenen Optionen, um die beste Entscheidung für Dich zu treffen.

Falls Du dich selbst schon Informieren möchtest, empfehle ich die Seite adhx.org

ADHS ist eine Entschuldigung für schlechtes Verhalten#

Das ist Quatsch. ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die genetisch bedingt ist. Menschen mit ADHS haben oft Schwierigkeiten, ihre Impulse zu kontrollieren, sich zu konzentrieren und ihre Emotionen zu regulieren. Das kann zu Problemen in Schule, Beruf und sozialen Beziehungen führen. Aber ADHS ist keine Entschuldigung für schlechtes Verhalten. Und es gibt - mit verlaub gesagt - auch echte Arschlöcher mit ADHS. Wie auch ohne.

Menschen mit ADHS sind genauso verantwortlich für ihr Verhalten wie alle anderen auch. Aber wir brauchen oft mehr Unterstützung und Verständnis, um mit unseren Symptomen umzugehen. Struktur und Routinen können helfen. Und vor allem Akzeptanz und Verständnis von uns selbst und von anderen. Therapie und/oder Medikamente können ebenfalls helfen, die Symptome zu lindern.

ADHS ist selten#

Das ist Quatsch. ADHS ist eine der häufigsten neurobiologischen Entwicklungsstörungen weltweit. Schätzungen zufolge haben etwa 5-7% der Kinder und 2-5% der Erwachsenen ADHS. ADHS betrifft Menschen aller Altersgruppen, Geschlechter und ethnischen Hintergründe. Es ist wichtig, ADHS zu erkennen und zu behandeln, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Je mehr wir über ADHS sprechen und aufklären, desto mehr Menschen werden erkannt und behandelt.

ADHS betrifft nur Jungen/Männer#

Das ist Quatsch. ADHS betrifft Menschen aller Geschlechter.

Allerdings wird ADHS bei Mädchen und Frauen oft weniger erkannt als bei Jungen und Männern. Das liegt daran, dass Mädchen und Frauen mit ADHS oft andere Symptome zeigen als Jungen und Männer (z.B. weniger Hyperaktivität, mehr innere Unruhe). Zudem sind sie zumeist erfolgreicher darin, ihre Symptome zu maskieren oder zu kompensieren. Bessere schulische Leistungen und soziale Anpassung tragen ebenfalls dazu bei, dass ADHS bei Mädchen und Frauen seltener diagnostiziert wird.

Das ändert sich aber gerade massiv - viele junge Frauen suchen selbst medizinische Hilfe und bekommen die Diagnose ADHS.

ADHS ist ein zeichen mangelnder Intelligenz#

Das ist Quatsch. ADHS hat nichts mit Intelligenz zu tun. Viele Menschen mit ADHS haben eine hohe Intelligenz, kämpfen aber mit Organisation und Konzentration. Es gibt sogar viele hochintelligente Menschen mit ADHS, die in kreativen Berufen oder in der IT sehr erfolgreich sind.

ADHS kann es jedoch erschweren, das volle Potenzial auszuschöpfen. Mit der richtigen Unterstützung und Behandlung können Menschen mit ADHS jedoch erfolgreich sein und ihre Ziele erreichen.

ADHS ist nur ein Problem der Schule oder Arbeit#

Das ist Quatsch. ADHS beeinflusst alle Lebensbereiche, einschließlich Beziehungen, Finanzen und Freizeitaktivitäten. Viele Menschen mit ADHS haben Schwierigkeiten, ihre Emotionen zu regulieren, was zu Problemen in Beziehungen führen kann.

Aber auch in Freundschaften und familiären Beziehungen kann ADHS Herausforderungen mit sich bringen. So kenne ich leider auch selbst: Durch die RSD habe ich oft das Gefühl, von anderen abgelehnt oder nicht verstanden zu werden. Und schon traue ich mich nicht mit Freunden zu verabreden, weil ich Angst habe, dass sie mich wieder “enttäuschen” könnten.

Auch das Management von Finanzen und die Organisation von Freizeitaktivitäten können herausfordernd sein. ADHS ist eine ganzheitliche Störung, die das tägliche Leben in vielerlei Hinsicht beeinflussen kann. Mit der richtigen Unterstützung und Behandlung können Menschen mit ADHS jedoch erfolgreich sein und ihre Lebensqualität verbessern.

ADHS-Medikamente sind die einzige Lösung#

Das ist Quatsch. ADHS-Medikamente können vielen Menschen mit ADHS helfen, ihre Symptome zu lindern. Aber sie sind nicht die einzige Lösung. Therapie, Coaching, Selbsthilfegruppen und Anpassungen im Alltag können ebenfalls helfen. Eine Kombination aus verschiedenen Ansätzen ist oft am effektivsten. Jeder Mensch mit ADHS ist anders, daher ist es wichtig, die Behandlung individuell anzupassen.

Ich würde jedoch jedem und jeder ans Herz legen: Schliesst Medikamente nicht von vornherein aus. Informiert euch gut, sprecht mit Ärzten/Ärztinnen und anderen Menschen mit