Diagnose#
Der Weg von der Vermutung zur Diagnose#
Der Weg zu einer ADHS-Diagnose kann lang und beschwerlich sein. Er variiert von Person zu Person. Genau wie die Menschen, die ADHS haben.
Bei mir wurde ADHS erst im Erwachsenenalter diagnostiziert, obwohl ich schon als Kind viele Symptome zeigte. In einer besonders stressigen Phase suchte ich wegen anderer Symptome (z.B. Ängste, Gefühl nie genug zu sein) therapeutische Hilfe.
Glücklicherweise brachten mich eine Bekannte auf die Spur: “Lass doch mal auf ADHS checken”.
Meine Therapeutin erkannte ebenfalls zahlreiche Hinweise auf eine undiagnostizierte ADHS.
Nach mehreren Gesprächen überwies sie mich an eine Spezialistin, die die eigentliche Diagnose stellte.
Ich erzähle hier von meinen Erfahrungen und mische daher hier etwas Erklärungen zum Ablauf der Diagnose mit meinen eigenen Erlebnissen. Ich möchte aber auch viel Angst nehmen und Mut machen.
Ablauf meiner Diagnose#
Neben einem ausführlichen Gespräch wurden verschiedene Tests durchgeführt:
Selbstauskunftstests (online, zu Hause):#
- Keine Panik: Hier werden nur Fragen zu deinem Verhalten in verschiedenen Situationen gestellt.
- Beispiel: “In der Schule bin ich oft ungefragt/unerlaubt aufgestanden.”
- Antworten sind Multiple Choice (“Nie”, “Manchmal”, “Oft”, “Immer”).
- Eine der Fragebögen ist für eine nahestehende Person. Damit wird das Verhalten durch eine andere Person wiedergegeben - andere Blickwinkel helfen hier oft viel.
- Zeitaufwand: Ca. 1-2 Stunden für alle Bögen zusammen
- Nimm Dir Zeit dafür und mache sie in aller Ruhe. Manche Bögen sind lang und es ist wichtig, dass Du die Fragen ehrlich und genau beantwortest.
Interview vor Ort#
Die meiste Zeit brauchte aber das Interview vor Ort, der Kern der Diagnose. Vor Ort wurden Fragen gestellt, die dem Fragebogen ähnelten. Hier wurden sie aber viel ausführlicher besprochen und mit Nachfragen versehen, wenn etwas unklar war. Aber keine Angst: Das ist absolut keine “Verhör”, sondern die Diagnostikerin versucht nur, ein möglichst genaues Bild von Dir und dem Verhalten zu bekommen.
Eine solche Frage kann sein: “Hast Du in deinem Alltag Schwierigkeiten, Dich zu konzentrieren?”. Hatte ich keine direkte Antwort, am besten mit Beispiel, wurden mir weitere Fragen gestellt, um das besser einschätzen zu können.
“Kannst Du beispielsweise einen kompletten Zeitungsartikel lesen, der dich nicht interessiert?” oder “Schaffst Du es, bei einem uninteressanten Film bis zum Ende dran zu bleiben?”. Sei immer ehrlich bei den Antworten - nur so kann die Diagnostikerin Dir helfen.
Und denk auch daran: Wir ADHSler sind oft Meister*Innen darin, Sachen für uns selbst zu verharmlosen. Daher antworte lieber ausführlich und mit Beispielen. Beispielsweise: “Ich schaffe es oft nicht, einen Artikel zu Ende zu lesen. Meistens verliere ich nach ein paar Absätzen die Konzentration und fange an, an etwas anderes zu denken. Dann muss ich den Artikel immer wieder von vorne lesen, weil ich nicht mehr weiß, was ich gelesen habe.” oder auch “Ich schaffe es immer, aber es kostet mich viel Kraft mich zu konzentrieren”.
Nach jedem Themengebiet wurden ganz ähnliche Fragen gestellt - nun aber zu meiner Kindheit bezogen. “Hattest Du in der Schule Schwierigkeiten, Dich zu konzentrieren?” Auch hier werden mit Beispielen und Nachfragen die Antworten konkretisiert.
Einige der Fragenkomplexe gingen sehr schnell vorbei. Einerseits weil ich in manchen Bereichen einfach nickend sofort Beispiele geben konnte. Andererseits gab es aber auch Themen, bei denen ich einfach so “gar keine Aktien” hatte und ich schnell alles negieren konnte.
Es gab aber auch Fragenkomplexe, die sehr lange dauerten. Insbesondere bei Themen zu meiner Kindheit musste ich mich erst erinnern und Situationen schildern. Auch bemerkt ich hier, wie ich viele Dinge für normal hielt, die es aber gar nicht sind.
Die Diagnose selbst#
Nach ungefähr 5 Sitzungen à 1 Stunde war es dann soweit: Die Diagnose wurde gestellt.
Meine große Angst: “Ich bilde mir das alles nur ein. Ich hab das gar nicht und will nur eine Ausrede für meine Probleme”.
Aber die Diagnostikerin bestätigte mir, dass ich tatsächlich ADHS habe.
ADHS - Mischtyp.
Also sowohl Unaufmerksamkeit als auch Hyperaktivität/Impulsivität. Auch wenn Du es mir vielleicht nicht ansiehst - bei mir findet die Hyperaktivität vor allem im Kopf statt.
Hatte ich das schon immer?#
Warum nun die Fragen zu meiner Kindheit? ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die in der Kindheit beginnt. Man “bekommt” ADHS nicht - sie ist und war schon immer da.
Daher ist es auch die Frage über die Kindheit so wichtig: Die Symptome müssen schon vor dem 12. Lebensjahr vorhanden gewesen sein.
Aber da hatte ich doch nie Schwierigkeiten? Oder?
Ich lernte gut in der Schule, hatte Freund*Innen und war nicht sozial auffällig.
Dadurch, dass ich so schnell lernte, war es mir halt nur oft langweilig in der Schule und ich schaute aus dem Fenster oder malte nebenher.
Und die Noten waren gut genug, also fiel es niemandem auf. Auch meine Abschlüsse später im Leben gehörten oft zu den Jahrgangsbesten.
Natürlich ist es schwierig, sich an die Kindheit zu erinnern. Aber die Diagnostikerin kann Dir dabei helfen, indem sie gezielte Fragen stellt. Auch helfen oft alte Zeugnisse, alte Schulhefte oder Berichte von Eltern oder Lehrern, um ein besseres Bild zu bekommen.
Gerade meine Schulhefte und Zeugnisse sprachen bei mir eine deutliche Sprache.
Und ganz klar: Als Mensch kenne ich ja nur mein eigenes “Innenleben” - wie ich mich gefühlt habe, was ich gedacht habe.
Und wie sollte ich denn je wissen, dass es nicht allen Leute so geht wie es mir ging?
ADHS! Oh nein! Oh ja!#
Die Diagnose ADHS kann für viele Menschen eine Erleichterung sein. Aber auch eine Herausforderung.
Bei mir setzte eine Art “zweite Pubertät” ein:
Plötzlich verstand ich, warum ich in der Schule so viele Schwierigkeiten hatte. Warum ich mich oft anders fühlte als meine Mitschüler*Innen. Warum ich mich oft überfordert fühlte.
Aber auch Erleichterung, darüber, dass ich nun eine Erklärung für meine Schwierigkeiten habe. Aber auch Angst, wie es nun weitergeht. Und Frust und Wut auf die Ungerechtigkeit: “Warum hab gerade ich den Scheiß? Warum? Warum weiss ich das erst jetzt?”
Viel Trauer auch darüber, was ich in meiner Kindheit und Jugend verpasst habe. Oder besser: Was ich alles durchgemacht habe, wie viel Kraft es gekostet hat und wie viel Schmerz ich erlebt habe. Und auch: Wie viel schlechtes ich durch andere Menschen erfahren habe.
Hier kommt leider das gesamte Schulwesen wie ich es erlebt habe wirklich nicht gut weg. Hier war nicht einziges Mal eine Lehrkraft in der Lage, meine Schwierigkeiten zu erkennen oder mir zu helfen. Nie gab es auch nur das Wort ADHS.
“Du träumst zu viel und musst dich einfach mehr anstrengen” war die häufigste Aussage.
Dass heute Lehrer*Innen, Eltern und Schüler*Innen über ADHS aufklären finde ich richtig gut. Aber damals gab es das nicht. Das “es haben ja heute alle ADHS” ist einfach Quatsch. Nur sagen heute mehr Leute offen, dass sie ADHS haben. Lehrer*Innen sind heute besser geschult. Und mehr Leute - vor allem junge Frauen - gehen heute zum Arzt oder zur Ärztin, wenn sie den Verdacht haben, ADHS zu haben.
Leider prägte mich meine undiagnostizierte ADHS sehr negativ. Ich kämpfe heute viel mit starken Gefühlen von Scham, Unsicherheit und extrem negatives Selbstbild. Auch das verlangen nach Perfektionismus und viel zu Leisten saugt die eigenen Batterien leer. Und was mit Anfang 20 noch einfach war, wird mit zunehmendem Alter immer schwieriger.
Die jahrelange Erfahrung, “anders” zu sein, führte bei mir zu negativen Glaubenssätzen über mich selbst: “Ich bin kaputt”. “Ich bin nicht liebenswert”. “Ich bin weniger wert”. “Ich bin nicht genug”.
Wie gehts weiter?#
Ich habe mich entschieden, die Diagnose als Chance zu sehen. Eine Chance, mich selbst besser zu verstehen und besser mit mir selbst umzugehen. Und aus diesen negativen und destruktiven Selbstbildern herauszukommen.
Nun weiss ich, dass ich anders “funktioniere” als neurotypische Menschen.
Ich kann aufhören mit “ich brauche einfach noch mehr Disziplin” oder “ich muss mich einfach nur noch mehr anstrengen” auf Probleme zu werfen. Denn das funktioniert bei ADHS nicht.
Stattdessen kann ich nun gezielt Strategien entwickeln, die mir helfen, besser mit meinen Symptomen umzugehen.
Alleine das ist die Diagnose schon wert!
Bin ich schon soweit das alles gut im Griff zu haben? Bei weitem nicht, dafür ist die Diagnose noch zu frisch.
Aber ich bin auf einem Weg.
Therapie, Medikamente, Selbsthilfegruppen und Tools helfen mir dabei - aber den Weg muss ich selbst gehen.
Ich hoffe es ist ein guter Weg.